Veröffentlicht am Mo., 6. Apr. 2020 11:39 Uhr

Noch im Februar pilgerte Mathias Kaiser, Pfarrer der Dorfkirchengemeinde in Gatow, mit seiner Frau in Italien auf der via Francigenia*. Mathias erzählt von dem unerwarteten Ende dieser Pilgerreise, den Eindrücken auf dem Weg und warum Pilgern und die derzeitige Quarantäne, seiner Meinung nach, etwas gemeinsam haben.

Verena Kühne: Lieber Mathias, du und deine Frau, seid am 20. Februar aufgebrochen, um von San Miniato (westlich von Florenz), Richtung Rom zu pilgern. Wenn du an den Weg durch die Toskana denkst, was fällt dir als erstes ein?

Mathias Kaiser: Ganz zu Anfang konnten wir noch einen Augenblick fast unbeschwert auf Reisen sein. Das erscheint mir heute wie ein unzeitgemäßer Traum. Um die Pandemie einzudämmen, müssen wir plötzlich auf das Reisen verzichten, das hinterlässt ein Gefühl von eingesperrt sein. Ich, als einfacher Christ, dürfte nicht mein Lebensglück davon abhängig machen, dass ich unbedingt reisen muss. Denn wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir uns eingestehen: Auf Reisen zu gehen, das ist Luxus. Weltweit kann sich die Mehrheit der Menschen eine Reise gar nicht leisten. Vielmehr müssen sie all ihre Kraft und Mittel für ihren Lebensunterhalt einsetzten. Die jetzige Krise lehrt uns: Wichtig ist, dass wir überleben. Dass mein Nachbar überlebt, dass auch der fernste Nächste überlebt. Wichtig ist die gesundheitliche Versorgung hier und überall.

VK: Also kann uns das Pilgern nichts lehren, für die heutige Situation?

MK: Doch, einiges. Unser jetziger Alltag in Pandemiezeiten zeigt diverse Aspekte, die man beim Pilgern einüben kann. Wer pilgert, der denkt über das Leben nach. Das machen nun viele Menschen ganz ohne Pilgern, sie werden ernster, ernsthafter, wahrhaftiger. Wir erkennen, was wichtig ist. Der Pilger geht zu Fuß, das prägt den Tag. In der jetzigen Situation ist es eine der Freuden, die wir uns gönnen können, spazieren zu gehen, meist alleine. Die selbstgewählte Quarantäne, in der wir uns befinden, könnte man fast vergleichen mit dem “in Klausur gehen”. Manche Pilgerherberge ist dort, wo früher eine Klause war, ein Unterschlupf für einen Asketen. Wir gehen in Klausur. Also unser heutiger Alltag erinnert mich in vielem ans Pilgern.

 

VK: Wenn du beim Pilgern in die Natur schaust, was macht das mit dir.

MK: Da sind die Freude und das Staunen über Gottes Schöpfung, das können wir gerade auch überall in Spandau erleben. Wenn ich die Natur erlebe, dann komme ich in der Gegenwart an. Ich bin dem ausgesetzt, was sich gerade ergibt. Beim Wandern durch die Toskana im Februar, da gab es Frost und Sonne, Hagel und Sturm. Und viele geschlossene Läden.

 

VK: .... das erinnert ja an die leeren Supermarktregale, die es jetzt gibt, ...

MK: Wir haben uns so an ein Leben im Überfluss gewöhnt, dass wir irritiert sind, wenn da ein paar Fächer leer sind. Weil sonst alles ständig für mich verfügbar ist (mit den Schrecklichen Folgen für unseren Planeten, die ich im Supermarkt nicht sehe). Das wird nun korrigiert. Für viele mag das schmerzlich sein, wenn sie mehr Reis essen müssen, weil es gerade keine Nudeln gibt. Wenn ich heute im Supermarkt ein leeres Gemüseregal sehe, dann finde ich in einem kleinen Teil meines Kopfes eine seltsame Freude, denn ich sage mir: Heute werden hier wenigstens keine Früchte weggeschmissen. Als Pilger muss ich lernen, dass zu empfangen, was mir der Himmel gerade schenkt. Wir waren ja so gut wie ganz allein auf dem Pilgerweg. Da gab es keinen Dienstleistungszweig, der uns versorgte. Und wenn man nichts findet, dann ruft man nicht beim Pizza-Service an. Als Notreserve hat man ja noch das Studentenfutter und die Haferflocken im Rucksack.

 

VK: Wie verändert sich beim Pilgern das Verhältnis zur Umwelt?

MK: Ich möchte sagen: Man ist sanft zur Natur. Nur die Schritte hört man. Kein Vogel wird aufgeschreckt. Kein Zweig wird gebrochen. Man produziert kaum Müll, kaum Abgase. Ich hatte den Eindruck, als streicheln die Sohlen meiner Schuhe diese Welt. Und als würde der Boden mich zurück streicheln. Als Mensch scheine ich nun endlich zum Teil der Natur zu werden, nicht zum Gegenüber, oder zum Beherrscher. Und jeder Schritt kann Freude sein. Natur sehen zu dürfen, das ist das schönste für mich geworden.

 

VK: Ist es auf der Pilgerreise ein wichtiger Aspekt, dass man allein ist?

MK: Ja ein sehr wichtiger. Auch wenn man zu zweit läuft, so schweigt man viel. Ich bin für mich allein, ich muss mit mir gut auskommen. Ich muss versuchen, mit mir im reinen zu sein. Dass wir jetzt Angst haben und verunsichert sind, verstärkt diese Notwendigkeit noch mehr. In früheren Zeiten war das Pilgern auch oft lebensgefährlich. Im Alltag vergessen wir für gewöhnlich, z.B. wenn wir am Straßenverkehr teilnehmen, wie gefährdet unser Leben ist. Nun haben wir (leider) diesen Aspekt wieder auf dem Schirm. Dass ich lebe, ist Glück, ist Geschenk, mein Leben ist mir nur geliehen.

 

VK: Andere Menschen spielten keine Rolle?

MK: Am Tag kamen wir vielleicht durch zwei Dörfer, und da es kühl war, waren die Straßen leer. Aber doch, und das ist auch wieder wie heute, wenn sich die Blicke trafen, dann gab es lächeln und gute Wünsche. Die Menschen in Italien liegen mir sehr am Herzen. Und täglich denke ich an die schlimme Situation und spüre einen Stich in der Seele. Ein fremdes Land zu lieben, heißt auch mit ihm besonders zu leiden.

 

VK: Ihr wolltet drei Wochen pilgern. Was ist daraus geworden?

MK: Über die Nachrichten bekamen wir mit, dass die Krankheit sich in Italien ausbreitete. Da kann man nicht segensreich pilgern. Wir schauten erst mal nach einer Ferienwohnung, im Prinzip begannen wir dort mit der Quarantäne, nur Spazierengehen haben wir uns erlaubt. Die Vermieterin bat uns, dass wir möglichst lange bleiben sollten, denn sie fürchtete schon, dass wir für lange Zeit die letzten Gäste sind. Damit sind wir nur durch die halbe Toskana gekommen, den Fußweg bis Rom haben wir nicht mehr geschafft, was jetzt auch egal ist. Wir sind dann ausgereist, als Italien zum Gefährdungsgebiet erklärt wurde. Von Rom aus haben wir die Rückreise angetreten.

 

VK: Wie war der Eindruck, den du von Rom hattest?

MK: Den Petersplatz habe ich noch nie so leer gesehen. Auch die größte Kirche der Welt wirkte durch diese Leere völlig verlassen und traurig. Trostvoll fanden wir erst, was die Laiengeschwister von Sant’Egidio machten. Sie machten die Tür der Basika Santa Maria in Trastevere weit auf. Drinnen waren die Stühle auf zwei Meter Abstand gestellt. Es brannten Kerzen. Draußen verteilten Mitglieder der Kommunität – mit Atemmaske und Handschuhe – Hilfsgüter an Obdachlose und Arme. Dankbar trage ich dieses Bild im Herzen.

 

(*Via Francigenia, auch Frankenstraße oder Frankenweg, werden im weiteren Sinne die alten Fernstraßen bezeichnet, die Pilger auf ihrem Weg vom Frankenreich nach Rom zur Grabstätte der Apostel Petrus und Paulus nutzten.)

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