Alles neu?!

Alles neu?!

Alles neu?!

# Aktuelles

Alles neu?!

Nun sind es schon drei Jahreslosungen in Folge, bei deren Auswahl offenbar die Devise war, ganz groß zu denken. „Think big“. In jedem Fall geht es um nichts weniger als alles. 2024: „Alles aber lasst in der Liebe geschehen!“ 2025: Prüft alles und behaltet das Gute! Und nun 2026: „Siehe, ich mache alles neu!“ Können Sie das Muster erkennen? Alles Liebe, alles Gute, alles neu!

Alles neu – ist auch der Titel eines Lieds. Nein, nicht das Kinderlied: „Alles neu macht der Mai“ ist gemeint, sondern der Song, mit dem Peter Fox 2008 die Charts gestürmt hat. Peter Fox, Sie wissen schon, der mit dem Haus am See. Im schwarz-weiß Musikvideo zu „Alles neu“, sieht man ihn zu Beginn in einem Wohnzimmer im Sessel sitzen, sein Anzug ist mit Staub bedeckt, im Hintergrund auf der Couch sieht man die charakteristischen Herren mit den Affenmasken trommeln.

Peter Fox klopft sich den Staub vom Sakko, macht sich Essen in der Bratpfanne und singt davon, alles Alte hinter sich zu lassen und sich selbst neu zu erfinden, er singt von teuren Plänen und nagelneuen Zähnen, vom Klamotten einmotten und shoppen, davon Berlin umzukrempeln und die deutsche Musikszene zu verändern, ja er sei sogar bereit, die ganze Welt zu retten, auch wenn er zugeben muss, dass das nicht einfach würde. Und … 

„Schluss mit Larifari, ich lass' all die alten Faxen sein. Sollt‘ ich je wieder kiffen, hau‘ ich mir 'ne Axt ins Bein. Ich will nie mehr lügen, ich will jeden Satz auch so mein'n…“

Und nach all‘ diesen Vorsätzen schiebt er die Wand seines grauen Wohnzimmers einfach um und läuft nach draußen auf die Dachterrasse, nun wechselt das Video von schwarz-weiß zu bunt und zwischen Streicherklängen und tanzenden Frauen singt er unter dem offenen Himmel: „Hey, alles glänzt – so schön neu. Hey, wenn's dir nicht gefällt – mach neu!“ 

Na wenn das mal so einfach wäre: In 2026 alles neu machen, den Staub des vergangenen Jahres abklopfen, aus dem grauen Alltag ausbrechen und unter dem geöffneten Himmel tanzen …

Mehr als Tapetenwechsel

Nun ist ja der Jahreswechsel klassischerweise die Zeit für gute Vorsätze, aber „Alles neu“ ist ja mehr als nur ein paar ambitionierte Neujahrsvorsätze, mehr als Tapetenwechsel, das ist die ultimative Veränderung, Komplettsanierung mit Entkernung oder sogar Abrissbirne und Neubau? Eine Reset-Taste für das eigene Leben? Jedenfalls hört sich das ziemlich radikal an. Alles neu – so tiefgreifende Veränderungen können auch verunsichern. Bin ich dafür wirklich bereit? Manch Last der Vergangenheit kann ich nicht so einfach wie Staub abschütteln. Und an vielem Hergebrachtem hänge ich doch auch, will ich davon wirklich lassen? Und immer wieder kommt der alte Mensch in mir durch und der ist ein Gewohnheitstier, mein innerer Schweinehund scheut Anstrengung und Veränderung und mag es lieber bequem. Alles neu -  wenn das mal so einfach wäre.

Neue Weltordnung oder Rückfall ins Alte

Und: Alles neu – kann auch einen gewaltvollen Klang annehmen, für ein zerstörerisches Programm stehen. Nehmen nicht auch Populisten und Autokraten für sich in Anspruch alles neu zu machen? Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist vielfach die Rede von einer „neuen Weltordnung“. Aber stimmt das Adjektiv „neu“ hier wirklich? Erleben wir nicht eher einen Rückfall in alte, aber längst überwunden geglaubte Zeiten? Einige wenige Großmächte, die die Welt nach dem Recht des Stärkeren unter sich aufteilen wollen. Vor der Entwicklung der Welt zur „Räuberhöhle“ hat der Bundespräsident jüngst gewarnt. Nein, neu ist da gar nichts, im Moment sieht die Menschheit ziemlich alt aus.

Alles neu – das müsste für menschlichen Fortschritt stehen, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine solidarische Weltgemeinschaft, für ein Ende des Blutvergießens an so vielen Orten, ja für Frieden in umfassendem Sinne. Alles neu – das wäre die große Verheißung, die Sehnsucht der Unterdrückten nach Freiheit, der Opfer nach Gerechtigkeit, der Trauernden nach Trost.

Neu-Schöpfung und Heilung

Alles neu – wenn das mal so einfach wäre, fast scheint es menschenunmöglich. Wie gut, dass nicht wir es sind, die dieses Versprechen geben: „Siehe, ich mache alles neu!“ Es ist ein anderer der da spricht. Und wie das aussehen wird, wenn das geschieht malt sich der Autor der Offenbarung, der Seher Johannes aus:

Das Neue ist hier nicht unbestimmt, alles neu heißt – alles wird gut, der Kosmos vollendet sich. Und Neu-machen vollzieht sich nicht zerstörerisch, nach dem Prinzip Abrissbirne. Es ist eine Neu-Schöpfung. Der Himmel senkt sich auf die Erde herab und verwandelt alles. Und die himmlische Wirklichkeit kommt als Stadt, als neues Jerusalem. „Wie eine geschmückte Braut für ihren Mann“ schreibt Johannes. „Hey, alles glänzt – so schön neu.“ Und Johannes entwirft eine Friedensvision für die Nationen.

Die Völker werden in dieser neuen Stadt wohnen und Gott mitten unter ihnen. Hier schlägt er sein Zelt auf. Ja wirklich, „die Hütte Gottes bei den Menschen“ in der Übersetzung Luthers ist im Griechischen Text ein Zelt. Eine Erinnerung an das Zelt des Bundes, die Stiftshütte Israels. Und was dann folgt ist eines der schönsten Bilder, dass wir der Bibel haben:

Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 

Ein zärtliches Bild, eine intime Szene. Denn meine Tränen darf nicht jeder sehen, geschweige denn sie mir abtupfen. So nah dürfen mir nur wenige Menschen kommen. So nah wird Gott mir sein, verheißt der Text. Ein Tränentrocknender, ein Leid und Schmerz beendender Gott. Es ist kein Zufall, dass wir Pfarrer diese Trostworte sprechen, wenn Menschen untröstlich sind, an Gräbern und bei Trauerfeiern. Für Gott ist neu machen ein anderes Wort für heilen. „Siehe, ich mache alles neu!“ heißt: Ich werde alles heilen – die Wunden der Welt, die Verletzungen zwischen den Völkern und die Risse auf deiner und meiner Seele. So schöpferisch wird Gott den Kosmos und uns Menschen verwandeln.

Die Welt reparieren

Alles neu – das scheint mir nicht für die Gestaltung der Poster und Postkarten zur Jahreslosung zu gelten. Täusche ich mich oder sehen die jedes Jahr gleich aus? Auch dieses Mal dominieren in der Regel bunte Farben, man sieht ein offenes Tor durch das Licht bricht, einen Regenbogen, Pusteblumen im Sonnenschein oder – ganz oft – ein zartes Pflänzlein, das sich aus dem Erdboden streckt und dazu natürlich die Worte „Gott spricht: Siehe ich mache alles neu!“ Kam mir alles irgendwie bekannt vor. Nur ein Motiv habe ich gefunden, das ganz anders war. Es hat mich angesprochen. Es spielt auf die japanische Kunst des Kintsugi an, bei der zerbrochene Keramik mit einem Lack gekittet wird, in den Goldstaub gemischt ist. So wird eine Tasse, ein Teller oder eine Schale so repariert, dass ihre Brüche und ihre Vergänglichkeit hervorgehoben, aber irgendwie auch verwandelt, vergoldet werden.

„Hey alles glänzt, so schön neu!“ Wenn Gott uns neu macht, sind wir auch mit unseren Makeln schön. Genauso wie die Tränen sichtbar sein dürfen, werden die Brüche unseres Lebens nicht ungeschehen gemacht, aber Gott taucht sie in ein neues Licht. So fügt er die Scherben zusammen. „Siehe, ich mache alles neu!“

Im Judentum gibt es ein altes ethisches Prinzip, das dazu passt: „Tikun ha olam“ – die Welt reparieren. Es ist die Einsicht – auch wenn wir unsere Welt mit ihren vielen Rissen nie ganz zusammenfügen können, soll doch jeder an seinem Ort immer wieder Zerbrochenes heilmachen, die Scherben aufsammeln, auch wenn das mühsam ist und man sich an den scharfen Kanten schneidet. Aber nur so geht es, sammeln, flicken, verbinden, trösten. So funktioniert Barmherzigkeit, so arbeiten wir mit an der Heilung der Welt, sind Verbündete von dem, der einst alles Zerbrochene zusammenfügen wird und alle Tränen trocknet.

So wünsche Ihnen für 2026, liebe Gemeinde: Bleiben oder werden Sie neu-gierig. Erwarten und ersehnen Sie das Neue, das Gott schafft, denn wenn Sie das tun geben Sie sich nicht zufrieden mit der Welt wie sie ist. Hoffnung lässt sich einüben und sie macht nicht passiv, sondern kreativ. Ja, bleiben oder werden Sie neu-gierig, halten Sie Ausschau nach Spuren und Zeichen des Neuen. Auch in Ihrem Leben möge es immer wieder golden aufblitzen, so dass Sie freudig staunen: „Hey, alles glänzt – so schön neu!“

Frohes Neues! Amen.

Florian Kunz, Superintendent Kirchenkreis Spandau

Predigt gehalten beim Epiphanias-Gottesdienst am 9. Januar 2026 in der St.-Nikolai-Kirche.

Das Motiv ist von Jonathan Schöps und ist hier zu finden: undarstellbar.de

Dies könnte Sie auch interessieren

0
Feed