12/10/2026 0 Kommentare
Broken Halleluja
Broken Halleluja
# Predigt des Superintendenten

Broken Halleluja
Im Juni dieses Jahres löste der kanadischer Pop-Sänger Justin Bieber einen Social Media Trend aus. Im Song „Everything Hallelujah“ beschreibt Bieber, wofür er dankbar ist, singt von kleinen Alltagsmomenten, aber auch von den Menschen, die ihm am Wichtigsten sind. Und hinter jeden Gedanken setzt er das Wort „Halleluja“
"Let's take a walk, hallelujah
Sun is out, hallelujah
I'm kissin' you, hallelujah
Everything hallelujah"
"Mom and Dad, hallelujah
Hailey, babe, hallelujah
Baby Jack, hallelujah
Everything hallelujah"
Alles Halleluja also. Justin Bieber singt ein Dank- und Loblied für das eigene Leben. Und unzählige Menschen haben es ihm nachgemacht, auf Instagram oder TikTok in kurzen Videos gepostet, wofür sie dankbar sind, was sie glücklich macht:
„Ich bin gesund, halleluja! Heute 10.000 Schritte geschafft, halleluja! Gestern Sonnenuntergang am Meer, halleluja!“
Für den gläubigen Christen Justin Bieber ist sein Song ein bewusstes Gotteslob. Doch wie ist das bei den Millionen Followern? Fungiert das Halleluja hier nicht eher als ein diffuses Gefühl von Dankbarkeit, als Selbstmotivation, oder Manifestation eines "Zum Glück ist das so", anstelle des Gefühls von einem Anderen beschenkt zu sein? Mehr Selbstvergewisserung als religiöses Bekenntnis?
Einige fromme Christen jedenfalls haben die inflationäre Verwendung des Hallelujas kritisiert und wie so oft im Netz, wurde auch dieser Trend ironisch gebrochen: „Heute verschlafen – halleluja! Vergessen einzukaufen – halleluja! Schnürsenkel gerissen – halleluja!“ Doch wer weiß? Vielleicht drückt sich in diesem Trend ja auch das Bedürfnis vieler Menschen aus, einen Adressaten zu haben für das große Lebensglück und die kleinen Glanzmomente, für das was rund läuft und das was schiefgeht? Alles Halleluja?
Das Halleluja jedenfalls hat seinen festen Platz in der Musikgeschichte, lässt sich weder aus geistlicher Musik noch aus der Popkultur wegdenken. „Hallelu – jah“, das ist hebräisch und kann mit „Preiset den Herrn“ übersetzt werden. Zuerst taucht es in den Psalmen auf, die im Jerusalemer Tempel gesungen wurden. Die Psalmen erzählen oft von Rettungsgeschichten. Da erfährt jemand am eigenen Leib, wie Gott ihn aus dem Schlamassel rauszieht, er wieder atmen kann nach überstandener Gefahr und seine Erleichterung bricht sich schließlich Bahn in diesem Ruf: „Halleluja – Lobet den Herrn!“
In der christlichen Tradition wird das Halleluja auf Jesus Christus bezogen, wird zum Auferstehungsjubel. Wer mit diesen Worten singt, preist den, der vom Tod erlöst und erhebt fröhlich und trotzig Einspruch gegen alle finsteren lebensfeindlichen Mächte. Es ist ein kleiner Protestgesang davon, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Wer mit dem Halleluja den Mund derart voll nimmt, begibt sich in die Osterspur, lässt die Hoffnungsperspektive aufleuchten. Im Gottesdienst ist das Halleluja auf das Evangelium bezogen, also die Lesung mit der symbolisch Jesus seinen Auftritt hat, und wir quasi seinen Originalsound hören. Nur in der Passionszeit verstummt es, um dann an Ostern umso lauter zu erschallen.
Das bekannteste Halleluja der geistlichen Musik hat bestimmt der deutsch-britische Komponist Georg Friedrich Händel komponiert. Selbst wer das Messias-Oratorium gar nicht kennt, kann das Halleluja im Eingangschor „And the Glory of God“ spielend mitgröhlen. Es hat eben einfach Ohrwurmqualität. Bei der Londoner Erstaufführung des Messias, dessen Einnahmen Händel für Kranke und Gefangene spendet, ist der Andrang so groß, dass die Damen gebeten werden ohne Reifröcke und die Herren ohne Degen zu erscheinen, damit mehr Menschen Platz finden und im Gedränge nicht etwa jemand verletzt wird. Als das Halleluja des Chors zum ersten Mal erklingt, ist die Musik wie ein Sog, der die Schwerkraft aufhebt. Den anwesenden britischen König Georg II hält es nicht auf seinem Sitz und seine Untertanen tun es ihm gleich. Bis heute erhebt sich deshalb das Publikum in englischsprachigen Ländern, wenn das Halleluja im Messias erklingt. Gut so – Gott kann man schlecht im Sitzen loben, der Jubel über die Auferstehung hat eben auch mit Aufstehen zu tun.
Weniger überschwänglich, sondern melancholisch und nachdenklich kommt das berühmteste Halleluja der Popgeschichte daher: Leonard Cohens "Halleluja". So oft wurde es gecovert, dass viele gar nicht wissen, dass dieser Song aus seiner Feder stammt. Leonard Cohen stammte aus einer jüdisch-orthodoxen Familie im kanadischen Quebec. Sein Großvater war Rabbiner und Talmudkommentator. Ein Cohen zu sein – das bedeutete etwas. Kohén heißt Priester. Fünf Jahre soll Cohen an diesem zartbitteren Gebet gefeilt haben, an die 40 Verse entworfen und verworfen haben bis es 1984 in einer ersten Version erschien.
I’ve heard there was a secret chord
That David played, and it pleased the Lord
But you don’t really care for music, do you?
So geht es los. Cohen erzählt von König David, sozusagen dem Singer-Songwriter der Bibel, der auch als der Komponist der Psalmen gilt. Und Cohen scheint sich mit dem Harfenspieler zu identifizieren. Einen geheimen Akkord soll der entdeckt haben, der Gott wohlgefiel. Und dann komponiert er das Halleluja mit einfachen Akkordfolgen in Moll und Dur. Hier macht sich Cohen über sich selbst lustig, der auf der Gitarre mehr als die Grundgriffe nie gebraucht hat. Und dann ist die Rede von Batseba, die David beim Baden beobachtet und begehrt.
Der biblische David beginnt eine Affäre mit der verheirateten Batseba und stellt ihren Ehemann als Soldat an die vorderste Front, um ihn zu beseitigen. Doch davon ist im Song gar nicht mehr die Rede, stattdessen dass Batseba ihn an einen Küchenstuhl fesselt und ihm die Haare schneidet. Hier verwebt Cohen die Davidserzählung mit der von Samson und Delia, die dem Riesen durch das Abschneiden der Haare seine Kraft raubt. Liebe macht wehrlos, kann demütigend sein – ist das die Botschaft? Cohen löst das nicht auf. In der nächsten Strophe singt er, Gott hätte ihm vorgehalten seinen Namen unnütz gebraucht zu haben. „I don’t even know the name“ gibt er zurück und macht deutlich, es gäbe zwei Arten Gott zu loben: „Holy or broken Halleluja“ – ein heiliges und ein gebrochenes Halleluja. In der letzten Strophe malt er sich aus, wie es wäre vor seinem Schöpfer zu stehen, als ein Mensch, der sein Bestes versucht und doch gefehlt hat. „Und selbst wenn alles schiefgegangen ist“ so schließt er, „werde er doch vor dem Herrn des Liedes stehen mit nichts als Halleluja auf seiner Zunge.“
And even though it all went wrong
I’ll stand before the Lord of Song
With nothing on my tongue but Hallelujah.
Ein tröstlicher Gedanke, wie ich finde. Wir loben Gott nicht nur mit den Erfolgen und den Früchten unseres Lebens, sondern auch mit den Brüchen, unserem Scheitern, unserem Versagen. Es gibt eben auch das gebrochene Halleluja und Gott lässt es sich genauso gefallen wie das heilige. Letztlich stehen wir alle vor Gott mit leeren Händen da, nur ein Halleluja auf unserer Zunge.
Gestern wurde der 36. Tag der deutschen Einheit gefeiert. In der Wendezeit vor 36 Jahren ging der Sänger Marius Müller-Westernhagen auf Konzerttour durch West- und Ostdeutschland. Die Tour hieß wie sein kurz vorher erschienenes Album: „Halleluja“. Und sein Song „Freiheit“ wurde zu einer inoffiziellen Hymne der Wiedervereinigung.
Wenn wir heute ein Halleluja anstimmen würden mit Blick auf unser Land – es wäre wohl auch ein gebrochenes angesichts von Polarisierungen und Ungleichheit, dem Erstarken von extremistischen Parteien und wachsendem Antisemitismus. Und auch angesichts unserer Welt mit ihren Kriegen und Klimakatstrophen käme uns das Gotteslob wohl nicht ganz ohne Zögern von den Lippen. „Gott loben ohne zu lügen“ hat das die Theologin Dorothee Sölle genannt. Ein aufrichtiges Lob Gottes blendet die Dunkelheiten nicht aus, aber es wagt doch von dem Licht zu singen, das die Finsternis besiegt hat.
„Diese Welt ist voller Konflikte und voller Dinge, die sich nicht versöhnen lassen“, so Leonard Cohen. „Aber es gibt Momente, in denen wir uns versöhnen und das ganze Durcheinander umarmen können, und das meine ich mit … Halleluja.“
Im Juni dieses Jahres löste der kanadischer Pop-Sänger Justin Bieber einen Social Media Trend aus. Unzählige Menschen taten, was Bieber vorher in seinem Song getan hatte. Sie erzählten, wofür sie dankbar sind und setzten hinter jeden Gedanken das Wort: Halleluja. Wenn Sie das ebenfalls versuchen würden … was käme dabei heraus? Vielleicht würde es sich so anhören …
Gestern mein Enkelkind im Arm gehalten – Halleluja! Beim Nachsorgetermin gewesen, die Werte sind gut – Halleluja! Ab morgen wieder Schienenersatzverkehr – Halleluja! Beim Aufräumen einen Brief von meiner ersten Liebe gefunden – Halleluja! Morgens die Spuren der Wildschweine im Garten bestaunt – Halleluja! Im Gottesdienst gewesen mit wunderbarer Musik – Alles Halleluja!
Amen.
Florian Kunz
Predigt gehalten am 4. Oktober 2026, in der Christophoruskirche, Siemensstadt.
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