12/10/2026 0 Kommentare
Die Wahl haben
Die Wahl haben
# Predigt des Superintendenten

Die Wahl haben
Haben Sie schon gewählt? Seit gut zwei Stunden sind die Wahllokale ja bereits geöffnet. Manch einer hat seine Stimme vielleicht längst per Brief abgegeben. Und alle anderen, denen der Gang zur Wahlurne noch bevorsteht, haben noch bis 18 Uhr Zeit zu überlegen, wo sie ihre Kreuzchen machen.
Viele großformatige Plakate mit freundlich lächelnden Menschen versuchen da Entscheidungshilfe zu leisten. Die Wahl-Slogans der Parteien sind dieses Mal noch kürzer als sonst geraten: „Berlin wird“ – „Wieder Berlin“ – „Berlin geht besser“ - „Berlin bezahlbar machen“ - „Raus aus dem Rückwärts“. Na, da weiß man doch gleich Bescheid! Wir haben die Wahl. Wie gut, dass das so ist. Möge es so bleiben.
Auch der Apostel Paulus hat die Wahl. Nicht, dass er ein Kreuz machen würde auf einem Zettel, sein Mittel der Wahl ist der Brief, Briefwahl sozusagen. So gibt Paulus seine Stimme ab, sein Votum zur Situation der Kirche in Ephesus. Die dortige Gemeinde ist in großer Unruhe. Irrlehrer versuchen die Gläubigen mit „Fake News“ zu spalten, leugnen die Auferstehung und machen sich über die Lehren des Paulus lustig. Der Streit wird mit verletzender Schärfe ausgetragen, in der Gemeinde herrscht ein Klima der Lieblosigkeit und Missgunst. Und dann ist ja da auch noch das römische Imperium, das mit Argwohn auf die Christen blickt und ihnen Repressalien androht, weil sie die Verehrung des Kaisers ablehnen, Sklaven zu ihren Versammlungen willkommen heißen und sich auch ansonsten verdächtig verhalten.
Und in diesem toxischen Kirchen-Cocktail kommt ein Gemeindeleiter und Pastor so richtig ins Schwimmen: Timotheus. Ein ehemaliger Schüler des Paulus. Der Mentor von einst hält eigentlich große Stücke auf ihn, hat ihn selbst eingesetzt in sein Amt, ihm die Hände aufgelegt. Doch nun weiß er nicht so recht, was er von ihm halten soll. Denn er hört, Timotheus sei zerrissen von den Konflikten, leide unter der feindseligen Stimmung, würde an seinem Glauben zweifeln. Und Paulus ist sich gar nicht sicher, ob Timotheus sich nicht innerlich losgesagt hat von ihm dem alten Lehrer, ob er nicht sogar ins Lager der Irrlehrer übergelaufen ist.
Ach ja – und Paulus selbst steckt auch ziemlich in der Tinte. In einem römischen Verlies erwartet er seine Hinrichtung. Tja – was schreibt einer in so einer Situation. Lässt er seinem Frust und seiner Trauer freien Lauf? Er könnte mit der Feder sticheln, drohen, mahnen, Timotheus Vorwürfe machen. Oder ein Klagelied anheben auf das düstere Schicksal der Kirche und sein eigenes unausweichliches Los.
Paulus hat die Wahl … und er entscheidet sich für liebevolle, tröstende Worte, einen seelsorgerlichen Brief an den Seelsorger. Er schreibt Timotheus, wie dankbar er an ihn denkt. Er erinnert ihn an den Glauben, seiner Großmutter und Mutter, den Glauben, der ja auch in ihm Timotheus lebendig ist. Er erzählt ihm, dass Jesus Christus mit seiner Auferstehung dem Tod und allen seinen finsteren Helfershelfern die Macht genommen hat, damit das Leben siegt. Keine Botschaft zum Schämen, sondern um sie ganz unverschämt und freudig weiterzusagen. Ja und schließlich erinnert er Timotheus an seine Berufung, dass mit dem Auflegen der Hände Gott ihn einst bestärkt und begabt hat mit seinem Geist.
Und dieser Geist Gottes widerspricht allem, was runterzieht und an der Seele schubbert. Dieser Geist ist ein trotziger Einspruch gegen die Angst, er kommt mit dem funkelnden Wörtchen „Denn“ daher.
Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Paulus hat die Wahl … und in der Dunkelheit seiner Zelle wählt er Kraft, Liebe, Besonnenheit – diesen lichtvollen Dreiklang, so spricht er Timotheus Mut zu und vielleicht sich selbst auch. Kraft, Liebe, Besonnenheit – diese drei gehören zusammen und benötigen einander. Kraft ohne Liebe wird rücksichtslos und ohne Besonnenheit wird sie waghalsig. Eine Liebe ohne Kraft bleibt abstrakt und wirkungslos. Und Besonnenheit ohne Liebe wird kühl und nüchtern. Deshalb gibt es die Gaben des Geistes nur im Dreierpack.
Die Kraft heißt im griechischen Text „Dynamis“ – da steckt Dynamik, Bewegung drin. Und die Besonnenheit ist die „Sophrosynae“ – das kann auch mit Vernunft oder Klarheit übersetzt werden, aber ganz wörtlich ist das die „Zwerchfellgesundheit“. Wer „Sophrosynae“ hat, der kann durchatmen, da strömt der Sauerstoff durch Kapillare und graue Zellen – da löst sich alle Angst und Beklemmung, Erleichterung macht sich breit, gelassene Klarheit. Kein Wunder, dass Atem auch ein anderes Wort für Gottes Geist ist. Kraft, Liebe, Besonnenheit – Worte aus der Zelle gegen die Angst und das Dunkle. Manchmal braucht es einen, der uns daran erinnert.
Denn unsere Zeiten sind manchmal echt zum Fürchten. Wie in Ephesus – unsere Gesellschaft polarisiert sich immer mehr. In der Ukraine ist kein Ende des Kriegs abzusehen und der russische Machthaber versucht mit gezielten Nadelstichen die Nato zu testen und den Westen zu verunsichern, in Sachsen-Anhalt hat eine Partei die Landtagswahlen gewonnen, die davon fabuliert mit militärischen Mitteln Menschen abzuschieben, auf den Straßen unserer Stadt können jüdische Menschen die Symbole ihres Glaubens nicht mehr tragen, ohne um ihre Gesundheit oder ihr Leben zu bangen. Und: Fast vergessen, aber unaufhörlich schreitet die Klimazerstörung fort.
Doch uns fällt ein Brief in die Hände, eine Stimme aus dem Gefängnis, die sagt: Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht. „Recht hat er der Paulus“ denken wir – Gott hat uns nicht gegeben einen Geist, der den Brustkorb zuschnürt und das Herz eng macht. Gott hat uns nicht einen Geist gegeben, mit dem wir jeden Morgen in den Spiegel schauen und sagen: „Du schafft es eh nicht!“ Gott hat uns nicht gegeben den Geist, der Menschen ein- und aussortiert. Bio- und Passdeutsche, Menschen mit- und ohne Behinderung, solche die dazugehören und solche, die ins Abseits gestellt werden. Gott hat uns nicht die Angst gegeben, die den Verfeindungserzählungen auf den Leim geht, diese nagende Angst zu kurz zu kommen, die Türen verriegelt und Vorurteile aufschichtet. Nein – so einen Geist hat uns Gott nicht gegeben, das haben wir Menschen schon selbst angestellt.
Gott aber hat uns etwas ganz anderes gegeben: Die Fähigkeit, einen Menschen wirklich ansehen zu können, eine Stimme und Ohren – zwei Stück. Gott hat uns Sitzbänke gegeben im Grünen und Pflaster mit Dinosauriern drauf. Gott hat uns Stühle gegeben, die neben Krankenbetten stehen und die Menschen, die darauf sitzen. Gott hat uns die Busfahrerin gegeben, die dem Zuspätkommer doch noch mal die Tür aufmacht. Und das trödelnde Kind und die alte Frau, die an der Supermarktkasse nach Centstücken kramt, sind auch von ihm. Gott hat uns Orchester und Chöre gegeben und auch die darin, die den Einsatz verpassen – die ganz besonders.
Doch vor allem hat er uns die Kraft gegeben für den nächsten Schritt und den danach. Die Liebe, die anerkennt, dass jeder Mensch seine Geschichte hat, seine Verletzlichkeit, seine von Gott geschenkte Würde. Und die Widerspruch erhebt, wo jemand meint, dass sei nicht wahr. Und zuletzt die Besonnenheit – dieser Atem Gottes in uns, der uns erstmal Luft holen lässt, bevor wir reagieren, wahrnehmen, bevor wir urteilen. Die Besonnenheit, die uns fragen lässt: „Was weiß ich wirklich? Was ist jetzt dran? Was ist das Ziel?“
Kraft, Liebe, Besonnenheit und noch viele mehr – Gottes Gaben für eine verletzliche Welt, in diesem Geist können wir unser Leben gestalten. Wie gut, wenn ein Brief kommt aus dem Gefängnis vor über 2000 Jahren um uns daran zu erinnern.
Haben Sie schon gewählt? Ich meine jetzt nicht die Berlin-Wahlen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Bitte machen Sie heute Ihr Kreuz und stehen Sie damit ein für eine starke Demokratie und eine freiheitliche Gesellschaft. Oder wie es die überparteiliche Kampagne des Abgeordnetenhauses auf den Punkt bringt: „Heul nicht, geh wählen!“
Doch Sie haben noch in anderer Hinsicht eine Wahl. Sie können wählen, welcher Geist, Sie in ihrem Leben bestimmt. Ist es ein Geist der Furcht, der Sie leitet oder ein Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit? Ach – werden Sie sagen, als ob das so einfach wäre wie auf dem Wahlzettel! Einmal ankreuzen und fertig! Und da haben Sie natürlich Recht. Wir müssen immer wieder neu der Angst das letzte Wort streitig machen. Und zugleich ist der Geist Gottes in uns bereits am Wirken. Noch bevor wir ihn wählen, hat Gott uns bereits seine Stimme gegeben, sein Ja, sein Kreuz. Vielleicht braucht unsere Stadt also noch ganz andere Wahlplakate. Was würde da draufstehen: „Vertraut den neuen Wegen, die Zukunft ist sein Land“. Nee – das ist zu lang. „Berlin begeistert besonnen“. Auch nicht gut. Wie wäre es mit dem Spruch, der in der Bibel ganze 365 Mal vorkommt: „Fürchte dich nicht!“
Amen.
Florian Kunz
Predigt gehalten am 20. September 2026, in der St. Nikolai Kirche. Eine Predigt nach 2. Timotheus 1,7-10: Die Wahl haben
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