Jesu meine Freude

Jesu meine Freude

Jesu meine Freude

# Predigt des Superintendenten

Jesu meine Freude
1) Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier, ach wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir! Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden nichts sonst lieber werden.

2) Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sund und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.

3) Trotz dem alten Drachen, trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu! Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht; Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen.

4)
Weg mit allen Schätzen! Du bist mein Ergötzen, Jesu, meine Lust. Weg, ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören, bleibt mir unbewusst! Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod soll mich, ob ich viel muss leiden, nicht von Jesu scheiden.

5) Gute Nacht, o Wesen, das die Welt erlesen, mir gefällst du nicht! Gute Nacht, ihr Sünden, bleibet weit dahinten, kommt nicht mehr ans Licht! Gute Nacht, du Stolz und Pracht; dir sei ganz, du Lasterleben, gute Nacht gegeben!

6) Weicht, ihr Trauergeister! denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein. Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein. Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesus, meine Freude. 

Kantate von Dieterich Buxtehude BuxWv 60, Text: Johann Franck

Es gibt Menschen, die haben ein Talent zur Freude. 

Der vor 10 Jahren verstorbene Publizist, Autor und Moderator Roger Willemsen war so ein Mensch. Als er die Diagnose erhielt, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein, machte er erstmal eine Reise. Nach Oslo. Und geriet in einer Textnachricht an seinen Verleger und Freund Jörg Bong ins Schwärmen: „Eine große Erlösung, schlicht überwältigend, Munch ergreifend (…) die Stadt, das Meer, die Landschaft, das Essen, alles sinfonisch, und Jörg, hier ist Frohsinn, Lebensfreundlichkeit, Lächeln. Wie dankbar ist man in diesem Zustand für ein solches Leben, diese Zugewandtheit und Bejahung von allem Sinnlichen.“ Wieder zurück in Hamburg schrieb er dem Freund: „Ich freue mich so und tue auch sonst hier alles, um uns lauter schöne Eier in die Zukunft zu legen.“  

Freude trotz Krieg und Elend 

Die verstehen es der Freude Worte oder Klänge zu verleihen, so dass sich bei dem, der sie hört selbst Freude einstellt, unmerklich ein Lächeln über das Gesicht huscht. Der Dichter des Textes unserer Kantate war auch so ein Mensch. Dabei sind seine Lebensumstände alles andere als freudig gewesen, ja er wusste wahrlich von „Stürmen“ und „Todesrachen“ ein Lied zu singen. Als Johann Franck 1618 in Guben in der Niederlausitz geboren wird hat gerade der Dreißigjährige Krieg begonnen. Marodierende Heere jeder Konfession verwüsten ganze Landstriche, Familien verhungern oder werden durch die Pest dahingerafft. Als Johann drei Jahre alt ist, stirbt sein Vater – ja, er kannte die „Trauergeister“.  

Aber er wusste auch was eine „sichere Ruh“ ist. Mit 20 kommt er zum Jurastudium nach Königsberg, wo er bei seinem Onkel lebt. Hier ist der Krieg weit weg, nur die ausgemergelten Flüchtlinge, die immer wieder in der Stadt eintreffen erinnern daran, dass ein Großteil Europas in Elend und Pulverdampf eingehüllt ist.

Johann genießt zum ersten Mal seine Jugend und das Studentenleben. In Königsberg gehört er einem Dichterzirkel an. An schönen Sommerabenden treffen sich die 12 Freunde in einer Gartenlaube, der sogenannten Kürbishütte und tragen sich bei Bier und Wein ihre Werke vor, geistliche Gedichte, aber auch Liebeslyrik. Ihre Namen ritzen sie auf die Schale eines Kürbisses. Der Name dieses Freundeskreises lautet „Gesellschaft der Sterblichkeit Beflissener“. Da muss man doch unweigerlich an den „Club der toten Dichter“ denken, oder?  

Der Besitzer der Gartenlaube jedenfalls ist ein gewisser Heinrich Albert, Domorganist in Königsberg, der bis heute vor allem für das Volkslied „Ännchen von Tharau“ bekannt ist. Doch auch für eine andere Frau findet er Töne: Flora. „Flora, meine Freude, / meiner Seelen Weide, / meine ganze Ruh, / was mich so verzücket / und den Geist bestricket, / Flora, das bist du. / Deine Pracht glänzt Tag und Nacht / mir für Augen und im Herzen / zwischen Trost und Schmerzen.“ Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?  

15 Jahre später kommt Johann Franck dieses Liebeslied wieder in den Sinn. Inzwischen ist er Bürgermeister in seiner Heimatstadt Guben. Es ist Nachkriegszeit, große Teile der Stadt liegen immer noch in Trümmern, Franck muss den Wiederaufbau organisieren und er merkt, viele Menschen sind traumatisiert, das Grauen des Krieges hat sich in die Seelen eingegraben. „Was kann den Menschen Mut machen?“ fragt sich Franck. „Was kann mir Mut machen? Gibt es Worte gegen die Alpträume, ein Lied gegen die Verzweiflung?“

Irgendwann fällt den Gubenern auf, dass im Rathaus ein Fenster bis spät in die Nacht erleuchtet ist. Hier sitzt ihr Bürgermeister und schreibt, die Amtsgeschäfte des Tages müssen ruhen, wenn seine poetische Ader erwacht. Das Liebeslied von Heinrich Albert arbeitet Johann Franck um – Jesus statt Flora, geistliche Minne statt weltlicher Liebeslyrik. Und auch eine neue Melodie muss her. Der Berliner Kantor Johann Crüger wird sie finden, auch er stammt ursprünglich aus Guben.

Gesungene Freude

30 Jahre später baut Dieterich Buxtehude seine Kantate auf dieser Melodie auf und variiert sie. Schon im Choral, der ersten Strophe, ist das zu hören - mit der „Freude“ wechselt die Tonart passenderweise von Moll nach Dur. Da geht die Sonne auf, die Freude macht das Gemüt hell. Und dann darf aus vollem Herzen geseufzt werden: „Ach wie lang, ach lange …“ Buxtehude verdoppelt die Seufzer sogar noch einmal. Ausdruck der Sehnsucht nach dem Geliebten. Und für den hat Franck verschiedene Bilder gefunden: 

Erst ist Jesus die „Weide“ auf der das gläubige Herz grasen kann wie ein Lamm, dann wird Jesus selbst zum „Lamm“, dann zum „Bräutigam“. In der 4. Strophe wird Jesus als „mein Ergötzen“ und „meine Lust“ besungen. Diese Leidenschaft, ja Erotik in Bezug auf Jesus mutet uns heute etwas fremd an, aber unser Gesangbuch ist voll von solchen Liedern. Die Liebe zu Gott ist eben eine zärtliche und sinnliche. Und Jesus Christus stärker als Tod und Traurigkeit – einfach zum Verlieben.  

Es gibt Menschen, die haben ein Talent zur Freude. 

Andere müssen die Freude dem Dunklen des Lebens abringen. Auch diese Bewegung gibt es im Lied. Johann Franck blendet die Schrecknisse der Welt nicht aus, er findet plastisch-barocke Metaphern für sie: Da stürmt und blitzt es, der Satan wettert, die Welt tobt und der Abgrund brummt und der alte Drachen reißt seinen Todesrachen gewaltig auf, die Musik bei Buxtehude wird lebhaft und kämpferisch. Da klingt Gefechtslärm an, Furcht und Kummer. Und so monströs und überzeichnet die Rede vom Bösen auch wirkt, sie ist zugleich höchst aktuell. Ist das nicht auch unser Gefühl? Die Welt ist am Toben – an so vielen Orten kracht und blitzt es durch Raketeneinschläge, die Verheerung und Verwüstung bringen, der Todesrachen steht weit offen.  

„Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei!“ dichtet Johann Franck. Da nimmt einer den Mund richtig voll, singt an gegen die Angst und Ungewissheit und baut an einem Schutzraum des Glaubens, als gäbe es eine Wohnung, die Jesus im Innern von uns Menschen aufschlägt, wo wir beschirmt und bedeckt, ja sicher und geborgen sind in allem Wahnsinn des Lebens. Es ist ein – im Wortsinne -  trotziges Lied. „Trotz dem alten Drachen, trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu! Tobe, Welt und springe, ich steh hier und singe, in gar sichrer Ruh.“ 

Ein großartig-aberwitziges Bild malt Franck hier, oder? Da bäumen sich alle finsteren Mächte zu voller Größe auf, toben und lärmen, doch ein einzelnes Menschenkind, ein kleines Stimmchen ist stärker, als hätte es ein Zauberwort, das es schützt. „Ich steh hier und singe“. Echt mutig, wer kann es wagen, so zu reden? Der Glaube wagt es. Und indem wir einstimmen in dieses Lied, probieren wir aus wie das wäre selbst dieses Ich zu sein, dass da steht und singt, das sich vor nichts und niemand fürchten muss und ganz ruhig und getrost sein kann, was auch kommt.  

Ein Liebeslied des Glaubens

Eine natürliche Begabung, dem Leben positiv zugewandt zu sein, ihr Dasein auf der Erde dankbar anzunehmen, ja zu genießen. Vielleicht gehören Sie zu diesen Menschen? Und wenn nicht, macht das auch nichts. Wir sind wie wir sind und Freude lässt sich ja auch einüben. Da ist Lach-Yoga eine Möglichkeit, das Singen vom Glauben eine andere. Keine Melodie zaubert die Welt einfach schön, nimmt auch nicht einfach Leid und Furcht weg, aber das Liebeslied des Glaubens schenkt mir eine neue Stimme und Stimmung, einen Mut von woanders her, macht mich frei und gelassen, geborgen, ja fröhlich. Und ganz gleich ob talentiert oder unbegabt, geübt oder ungeübt – einem können wir in Sachen Freude ohnehin nicht das Wasser reichen: Dem Freudenmeister, der an Ostern den Tod schallend ausgelacht hat und alle Trauergeister verscheucht hat: Jesu meine Freude – und deine Freude, unsere Freude.  

Es gibt Menschen, die haben ein Talent zur Freude.

Roger Willemsen war solch ein Mensch. Wenige Tage vor seinem Tod wurde er gefragt, wie es ihm gehe. Er schrieb: „Ich stehe firmly, habe in die ärztliche Dauerdiagnose aufnehmen lassen ‚unzerstörbarer Frohsinn‘.“    

Amen.

Florian Kunz

Predigt gehalten am 15. März 2026 in der St. Nikolaikirche.

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