"Josefsbilder" - Kunstpredigt am 2. Weihnachtstag

"Josefsbilder" - Kunstpredigt am 2. Weihnachtstag

"Josefsbilder" - Kunstpredigt am 2. Weihnachtstag

# Predigt des Superintendenten

"Josefsbilder" - Kunstpredigt am 2. Weihnachtstag

Jesses, Maria … und Josef

Er wird immer zuletzt genannt – der bekannteste Nebendarsteller der Weihnachtsgeschichte. Josef – einer für die 2. Reihe, für den 2. Weihnachtstag, irgendwie Randfigur. Dabei wäre jede Krippe ohne ihn unvollständig, und die Geschichte von der Geburt Jesu gewiss ganz anders verlaufen.

Als Josef erfährt, dass seine frisch Angetraute von einem Anderen schwanger ist, versetzt ihm das zunächst einen Schock. Er könnte Maria wegen Ehebruchs vor Gericht zerren, aber er will gerade keine Schande über sie bringen. Deshalb plant er sie heimlich zu verlassen und so die Schuld auf sich nehmen. Guter Typ dieser Josef!

Aber ein Kind großzuziehen, dass nicht in seinen Stammbaum gehört – und den kann er immerhin bis zu König David zurückverfolgen – will Josef trotzdem nicht. Da hat er seinen Stolz. Bis, ja bis der Engel alles ins rechte Licht rückt, ihm sagt, was für Kind hier unterwegs ist. Und dass Jesus auf andere Weise ein Nachfahre Davids sein wird. 

„Fürchte dich nicht!“ – diese Weihnachtsbotschaft hört auch Josef. So fügt er sich in das Unbegreifliche und erfährt auf diese Weise was Gnade ist. Denn Gnade heißt: Für die Erlösung braucht Gott, dich nicht – Mensch. Hier kannst du nicht der Erzeuger sein, kannst die Erlösung nicht machen, du kannst sie nur empfangen. Das ist auch eine Kränkung – wer wüsste das besser als Josef?

Gott allein schafft das Heil, aber wenn es dann da ist, braucht es Hände, die es behüten und umsorgen, die das Wort Gottes in Menschengestalt adoptieren. Genau das tut Josef, nachdem er sich überwunden hat– und das ist ja nicht nichts, das ist sogar sehr viel. Das bedeutet Glauben. So wird Josef zu einem Vater des Glaubens und zum irdischen Vater von Jesus.

Jesses, Maria … und Josef

Und wie der in seine Ziehvater-Rolle hineinwächst, das haben sich viele Künstler ausgemalt. Auffällig ist, dass Josef oft als Randfigur im Bild platziert wird, so als gehöre er nicht recht dazu. Mal steht er im Hintergrund und wiegt nachdenklich sein Kinn während er Maria beobachtet, die innig ihr Kind anschaut. „Was ihm dabei wohl durch den Kopf geht?“ 

Oder er hält ein Licht und erhellt den dunklen Stall, öffnet Hirten und Weisen die Tür. Josef als dienstbarer Geist und Mädchen für alles, einer, der ohne Worte tut was nötig ist. 

Auch auf den beiden ersten Bildern, die Sie vor sich haben ist das so. Josef ist am Rand der Szene zu finden. Im ersten Bild, das Conrad von Soest 1403 für den Altar der Bad-Wildunger Stadtkirche gemalt hat, sieht man ihn kniend auf dem Boden ein Feuerchen anfachen, auf dem er Brei kocht, während Maria auf einem komfortablen Nachtlager thront und das Jesuskind an sich drückt. Josef, der Hausmann kümmert sich um die Essensversorgung. Ein rührender Anblick, über den mittelalterliche Zeitgenossen aber sicher auch geschmunzelt haben.

Tatsächlich wurde es im Mittelalter üblich Josef als einen immer gutmütigen, aber etwas trotteligen Kerl zu verspotten. Hier kriecht er auf allen Vieren, wie ein Tier. Dass sein Kopf mit dem des Ochsen eine Achse bildet, ist sicher kein Zufall. Den Ausdruck vom „gehörnten Ehemann“ kannte man schon damals. Oft sieht man auch den Esel in Josefs Nähe, ja mitunter ähneln sich die beiden Graubärte optisch. Josef wird hier als das treudoofe Lasttier charakterisiert, als Esel, der sich ein fremdes Kind unterschieben lässt. Interessanterweise hat das Josefs Verehrung keinen Abbruch getan – im Gegenteil. Galt er doch im Mittelalter als einer der beliebtesten Heiligen. Mit ihm in seiner Menschlichkeit und seinem tragikomischen Geschick konnten sich die Menschen identifizieren. Einer von uns, haben sie gefunden, ein Antiheld, den man einfach mögen muss. Liebevoller Spott gehört da einfach dazu.    

Jesses, Maria … und Josef

Dass dieser zur Zeit der Geburt Jesu ein alter Mann war, davon weiß die Bibel nichts. Doch seit das Konzil von Konstantinopel 553 ein Dogma verabschiedet hatte, wonach Maria zeitlebens jungfräulich blieb, fingen Künstler an Josef als Greis zu malen, als einen – so die Unterstellung – bei dem das Feuer der Leidenschaft schon erloschen war. Naja, dass in der Bibel jüngere Geschwister von Jesus überliefert sind – geschenkt. Die katholische Tradition hat sie kurzerhand in Vettern und Kusinen umdeklariert.

Auch im zweiten Bild, das um 1400 von einem unbekannten niederländische Künstler gemalt wurde, ist Josef als alter Mann zu sehen. Wieder ist er am Rand des Bildes zu finden, sitzt Maria zu Füßen, der Mann ist der Frau untergeordnet. Verkehrte Welt, jedenfalls im Mittelalter und damals auch wieder ein komischer Aspekt. Maria sieht liebevoll auf Josef herab während eine Amme (wo kommt die denn her?) das Kind in der Krippe betreut.;

Josef allerdings sieht sehr konzentriert, ja fast etwas missmutig aus. Was macht er da nur? Haben Sie eine Idee? Josef näht. Er hat seine Beinlinge ausgezogen, die mittelalterliche Form der Hosen und arbeitet sie in Windeln für das Jesuskind um. Josef – eben ein Mann mit vielen Talenten! Dass er durch diese Liebestat nun buchstäblich ohne Hosen dastand – Sie können es sich denken, hat die mittelalterlichen Zeitgenossen auch wieder zum Lachen animiert. „Ist doch klar, wer in dieser Beziehung die Hosen anhat!“ Doch auch hier: Dem Spott folgt die Verehrung. Bis heute kann man im Aachener Dom die einstigen Hosen Josefs und späteren Windeln Jesu als Reliquie bestaunen. „Josefs Botzen“ werden sie im Öcher Platt genannt.

Jesses, Maria … und Josef

Nachdem er lange eine Existenz als Randfigur gefristet hat, holt ein Maler ihn ins Zentrum: El Greco in seinem monumentalen Gemälde von 1597 „Der Heilige Joseph mit dem Jesusknaben“. 

Hier begegnet ein ganz anderer Josef. Jung, stark, cool. Könnte auch als Hipster-Papa aus dem Friedrichshain durchgehen. Auch dieser Josef hat keine Hosen an, aber stört es ihn? Nein. Auch mit nackten Füßen hat er so gar nichts Komisches an sich, sondern strahlt Stolz und Verwegenheit aus. Und der kleine Jesus, der sich an ihn schmiegt, hat ebenfalls keine Beinkleider. Die zwei gehören zusammen. 

Dass Jesus ein Kleidchen trägt, ist die Mode der Zeit, die Mädchen wie Jungs Kleider verpasst. Doch die Farbe Rosa ist kein Zufall. Gilt sie damals doch als Jungsfarbe. Ja, Sie haben richtig gehört. Denn Rosa ist das kleine Rot, steht für Blut, Kampf, Körperlichkeit, männliche Attribute.

Blau dagegen ist die weibliche Farbe, denn sie wird mit Maria assoziiert. Hier trägt Josef die Marienfarbe Blau. Mit seinem Mantel und dem bei ihm Schutz suchenden Jesus erinnert er zugleich an die beliebte Darstellung der Schutzmantelmadonna, ein Urbild mütterlicher Fürsorge. Hier verkörpert es der Mann, Josef, der sich mit zärtlichem Blick Jesus zuwendet und mit dem Holzstab in der Hand zugleich an den guten Hirten denken lässt. Ich mag dieses Bild so viel mehr als die mittelalterlichen Darstellungen. Nicht nur weil es Josef aus der zweiten Reihe holt, sondern weil es zeigt, dass Liebe nicht trottelig, sondern anmutig macht. Dass sie sich nicht schert um Rollenzuschreibungen, sondern die bekannten Farbmuster durchbricht. Und weil dieser Josef mich erinnert an alle Adoptiv-, Bonus- und Stiefväter, an alle Nenntanten und –onkels, an alle, die ein Kind als ihr eigenes annehmen, unabhängig von Genen und Biologie. „Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf“, wird Jesus später sagen.

Die Engelchen, die vor dem dramatischen Himmel kreisen haben übrigens die Funktion, Josef symbolisch zu krönen. Lilien, als Christusblume, Rosen als Zeichen der Liebe und Hingabe und der Lorbeerkranz für einen, der wahrhaft weise ist.

Jesses, Maria … und Josef

Er wird immer zuletzt genannt – der bekannteste Nebendarsteller der Weihnachtsgeschichte. Josef – einer für die 2. Reihe, für den 2. Weihnachtstag. Heute stand er im Mittelpunkt – höchstverdient, wie ich finde. Denn ohne ihn wäre die Geschichte anders verlaufen. Ohne Menschen wie Josef wäre unsere Welt unvollständig.

Also, liebe Gemeinde, vielleicht probiert ihr mal aus, wie es wäre mehr Josef zu wagen?  Öfter mal in die zweite Reihe gehen, das Ego zurückstellen und das Notwendige tun ohne viel Gewese. Gott vertrauen, dass er etwas Gutes mit euch vorhat, auch wenn das Leben gar nicht nach Plan läuft. Am Glauben festhalten, selbst wenn man euch für Trottel hält. Doch vor allem: Dass lebendige Wort in eurem Leben aufnehmen, das Jesus Christus heißt. Euch darum kümmern und es behüten. Und wer weiß? Vielleicht dürft ihr eure Hosen sogar behalten …

Amen.
Florian Kunz

Gehalten am 2.Weihnachtstag 2025 in Sankt Nikolai Spandau

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