21/05/2026 0 Kommentare
Mit Herz
Mit Herz
# Predigt des Superintendenten

Mit Herz
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Innerstes geben und in ihr Herz schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Wenn jemand etwas „mit Herz“ macht, dann ist er ganz bei der Sache, geht mit liebevoller Sorgfalt zu Werke. Arbeitet nicht pflichtschuldig etwas ab, sondern ist mit voller Hingabe dabei – „mit Herz“ eben. Kein Wunder das große Konzerne das Herz-Symbol als Markenlogo für sich entdeckt haben. Die BVG wirbt mit gelbem Herz und dem etwas augenzwinkernden Slogan: „Weil wir dich lieben!“ Auch der Lebensmittelriese EDEKA hat eine gelbes Herz-Logo und verkündet: „Wir lieben Lebensmittel“. Ob bei der Fahrkartenkontrolle oder hinter der Fleischtheke – „mit Herz“ muss es sein. Und beim Singen gilt das natürlich umso mehr – wusste schon Paul Gerhardt: „Ich singe dir mit Herz und Mund“.
Und auch der 70. Eurovision Song-Contest, der gestern live aus Wien ausgestrahlt wurde, hat ein großes Herz im Schriftzug, mal mit dieser, mal mit jener Nationalflagge gefüllt – in einer Welt voll Krieg soll Musik die Völker verbinden, in Frieden und Freundschaft, so der Gedanke, mit Melodien, die von Herz zu Herz gehen. Herzschmerz dagegen bei der deutschen Teilnehmerin Sarah Engels, die mit ihrem Song „Fire“ nur auf dem drittletzten Platz landete. Naja – wir hier in Nikolai können auch ganz ohne ESC die Völkerfreundschaft feiern und Musik, die zu Herzen geht, lauschen, dank euch, lieber Oratorienchor aus Solna. „Sweden 12 Points!“ kann man da nur sagen.
Mit Herz - ist auch die Vision Jeremias. Er empfängt sie in dem Jahr in dem die Babylonier Jerusalem erobert haben. Jeremia läuft durch die rauchenden Ruinen seiner Stadt. Als der Prophet den zerstörten Tempel betritt, muss er sich einen Weg durch die Trümmer bahnen, verkohlte Balken hängen von der Decke herab. Wo einst das Heiligtum stand gähnt Leere, zerstört ist die Bundeslade mit den Gebotstafeln. Zu Staub zerfallen knirschen unter seinen Füßen die Heiligen Worte. Doch dann ist da ein stiller, aber eindringlicher Ruf – in einer Ecke entdeckt er eine Scherbe im Geröll, nicht größer als seine Handfläche. „Damit du lebst“ steht darauf geschrieben. Das sind die Worte des Bundes, abgeplatzt und übriggeblieben von den Steintafeln. Es ist die Essenz der Thora. „Damit du lebst“.
Jeremia hält die Scherbe an sein pochendes Herz und es ist als würde der Stein warm, als würden sich ihm diese Worte geradezu einbrennen. Und auf einmal hört er die Stimme des Ewigen in seinem Innern, Worte des Trostes sind es. Gott kommt zurück, aber anders als bisher – er thront nicht länger im Tempel, Gott kommt ins Herz – hier will er wohnen, im Innersten des Menschen, will nicht Steintafeln, sondern die Herzhaut mit seinem Wort beschreiben. Niemand muss mehr den Glauben erlernen, der Wille Gottes wird jedermann in Fleisch und Blut übergehen. Ob Klein oder Groß – alle werden Gott erkennen. Man sieht nur mit dem Herzen gut. So wird Gott den Bund erneuern. Jeremia verbirgt die Scherbe in seinem Gewand. Als er geht flüstert er die Worte vor sich hin: „Damit du lebst“.
Mit Herz – das sind Geschichten, die uns berühren. Eine hat die britische Schriftstellerin Frances Hogdson-Burnett verfasst und die bekannte Verfilmung wird jedes Jahr an Weihnachten ausgestrahlt: „Der kleine Lord.“
Kurzfassung: Der in New York in bescheidenen Verhältnissen lebende Junge Cedric und seine Mutter erfahren von einem Anwalt, dass Cedric der letzte verbliebene Erbe eines britischen Grafen ist, sein Großvater, den er bislang nicht kennen gelernt hat. Die beiden reisen nach England und Cedric zieht im Schloss des Großvaters ein – seine Mutter dagegen wohnt in einem nahegelegenen Landhaus, da der Graf sie wegen seines Standesdünkels und seiner Abneigung gegen alles Amerikanische ablehnt. Cedric gelingt es in seiner freundlichen unverstellten Art nach und nach die Zuneigung des mürrischen Großvaters zu gewinnen, ja sogar Güte und Mitgefühl in ihm für andere Menschen zu wecken. Und er hält ihm unmerklich den Spiegel vor: Bei einem Ausritt ins Dorf sieht der Graf unter was für ärmlichen Bedingungen seine Pächter leben und ist tief beschämt. Er beschließt die Häuser instand zu setzen und der Armut ein Ende zu machen. Am Schluss richtet der Graf eine große Weihnachtsfeier aus für alle die in Schloss und Dorf leben und arbeiten und Cedrics Mutter ist auch dabei und kann ihren Sohn in die Arme schließen.
„Der kleine Lord“ erzählt wie ein Herz neu beschrieben wird, Zuneigung einen Menschen wandelt. Ein bisschen kitschig ist das, aber schön. Doch kann es sein, dass der große Lord es ähnlich macht wie der kleine? Uns Menschen Beziehung anbietet, uns annimmt so wie wir sind, mit unseren Barrieren und Muffligkeiten, freundlich an uns dranbleibt, trotz Schuld und Verletzungen. Seine Zuneigung jedenfalls hat die Macht uns Menschen von Grund auf zu ändern, uns liebesfähig zu machen, uns zu sensibilisieren für das was unsere Mitmenschen brauchen. „Nächstenliebe“ nennt das die Thora. So schreibt Gott uns seinen Willen ins Herz, ganz unbemerkt zeichnet er sich uns ein. „Damit du lebst“.
Mit Herz – ist der goldene Siegelring, den Kurprinz Johann der Großmütige 1530 Martin Luther zum Geschenk macht. Luther freut sich sehr über diese Geste des Kurprinzen, obwohl der über dem Handschuh zu tragende Ring für seine Finger zu groß geraten ist. Sei es drum – Luther wird seine Briefe trotzdem damit siegeln. Das Siegelbild, die sogenannte Lutherrose hat er selbst entworfen: Weiße Rose auf blauem Grund, darin ein rotes Herz mit einem schwarzen Kreuz im Zentrum. Auch hier: Ein beschriebenes Herz – anstelle eines Buchstabens das Kreuz. Luther sagt damit: Glauben ist eine Herzensangelegenheit, sie fordert den Menschen in seiner Ganzheit, mit allem was ihn ausmacht, Leib und Seele, Verstand und Gefühl.
Und wenn er sich das Kreuz zu Herzen nimmt, lässt er den in sein Innerstes, der den Weg der Liebe und Vergebung ging, das fleischgewordene Wort Gottes, die menschgewordene Thora: Jesus Christus. „Damit du lebst“. Manchmal braucht es nur eine Scherbe im Schutt, einen Splitter der Erinnerung, damit wir neu werden können.
Die Lutherrose ist übriges zu einer der ersten geschützten Marken geworden, Luthers Markenzeichen „mit Herz“ – wird zum Corporate Design der evangelischen Bewegung. Alle späteren Herzchen-Logos, ob von BVG oder EDEKA sind letztlich alle beim Reformator abgekupfert. Hätten Sie das gedacht? „Reformation – weil Gott dich liebt.“
Und der Eurovision Song Contest? Fanden Sie das war ein Sangeswettbewerb „mit Herz“? Auf jeden Fall war es ein Event mit ausgelassener Stimmung, vielen Spezialeffekten und manch seltsamen Kostümen. So wie jedes Jahr. Gestern hat die bulgarische Sängerin Dara mit ihrem Song „Bangaranga“ gewonnen. Kostprobe gefällig? „Werde lebendig, gib dich den grellen Lichtern hin. Heute Nacht wird niemand schlafen. Willkommen im Aufruhr!“ Geht ins Herz, bleibt im Kopf…? Nein? Macht nichts.
Wir haben ja den Chor – und der singt jetzt, natürlich mit Herz.
Amen.
Florian Kunz
Predigt gehalten am 17. Mai 2026, in der St. Nikolai Kirche. Eine Predigt nach Jeremia 31,31-24: Mit Herz
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